Der Roman und die Hintergründe

Buchblock Heldenflucht

1918 – Deutschland nach dem großen Krieg … Das Land wird von Hungersnöten heimgesucht, die Daheimgebliebenen warten sehnsüchtig auf die Kriegsrückkehrer. In dieser düsteren Zeit kehrt die Kriegsberichterstatterin Agnes Papen zurück in die Eifel, in ihr Heimatdorf, das von den Wunden des Krieges heimgesucht wird, wie sich bald zeigt. Als die Bewohner einen stummen französischen Soldaten stellen, kommt eine Spirale der Gewalt in Gang. Menschen verschwinden spurlos, und in den Wäldern wird schließlich eine Leiche gefunden. Agnes beschließt, sich auf die Suche nach der Wahrheit zu machen …

Alter Wecker

Das Trauma des ersten Weltkriegs

Ein zentrales Motiv des Romans ist die psychische Zerrüttung der Kriegsteilnehmer. Wieso kam es aber gerade im Ersten Weltkrieg derart massiv zu seelischen Verstümmelungen? Was unterschied diesen Krieg von allen anderen Kriegen vorher?

 

Im Ersten Weltkrieg vollzog sich ein entscheidender Wandel in der Kriegstechnik und Kriegsführung.

 

Durch die Industrialisierung wurde es möglich, Massenvernichtungswaffen in größter Stückzahl herzustellen. Maschinengewehre töteten hunderte Soldaten in Minuten, Artilleriegeschosse von kaum vorstellbarer Vernichtungskraft zerfetzten Menschen von einem Moment auf den anderen. Die Soldaten harrten in Todesangst, zur Untätigkeit verdammt, in Gräben aus, die nur bedingt Schutz boten. Schlamm, Kälte, Ratten, Läuse, Hunger und Durst machten das Leben selbst in ruhigen Zeiten zur Hölle. Das Wechseln der Kleidung war mitunter über Wochen und Monate nicht möglich. Das Leder der Stiefel verwuchs mit der Haut der Soldaten, Wasser wurde aus Granattrichtern geschöpft, in denen Leichen verwesten.

Besonders perfide war der Einsatz einer neuen Waffe, die lautlos und unsichtbar wirkte – Giftgas. Es führte zu Erblinden, Ersticken, Hautverätzungen.

 

Hundertausende Tote und Verwundete, damit einhergehend über Jahre hinaus Leid, Elend, Blut, abartige Verletzungen, Amputationen. Auf eine solche Apokalypse war niemand vorbereitet.

 

Auf ihre seelische Verarbeitung auch nicht. Die Psychoanalyse steckte noch in den Kinderschuhen. Viele von diesen Krankheiten traten zum ersten Mal in der Geschichte auf und überforderten damit die Ärzte, die aus Hilflosigkeit zu drastischen Mitteln wie der Starkstromtherapie oder Hungerkuren griffen.

Die Erscheinungsformen der Schützengrabenneurosen waren überaus vielfältig. Es gab die sogenannten »Kriegszitterer«. Es gab Männer, die sich nur noch tanzend fortbewegen konnten. Andere litten an Gedächtnisverlust. Symptome wie Lähmungserscheinungen, Stummheit, Sprachstörungen und Angstattacken breiteten sich unter den Soldaten nahezu seuchenartig aus.

 

Diese posttraumatischen Belastungsstörungen bilden die Grundidee für Heldenflucht.

 

Eine große Tragik des Ersten Weltkriegs liegt darin, dass viele der überlebenden Soldaten als gebrochene, körperlich und geistig schwerkranke Menschen zurückkehrten und die Daheimgebliebenen nicht wussten, wie sie ihren Angehörigen, Ehemännern und Freunden, die sie kaum mehr wiedererkannten, helfen sollten. Dass in manchen der Heimkehrer, die eigentlich nur das Beste wollten, etwas Anderes, etwas Abgründiges erwacht, ist der Ausgangspunkt von Heldenflucht. 


Das Leben in der Eifel 1918

Das Leben in der Eifel um 1918 war -neben den Sorgen um das Wohl der an der Front befindlichen Familienagehörigen- geprägt von Armut, Hunger und Krankheit. So verwundert es auch nicht, dass die Grippe im Jahr 1918 grassierte. Kaum eine Ortschaft wurde von ihr verschont, Todesopfer waren fast täglich in den Dörfern und Städten zu beklagen. In Seffern, heute eine Ortsgemeinde des Kreises Bitburg-Prüm, starben in vier Wochen 30 Einwohner, immerhin knapp 10% der damaligen Bewohner der Gemeinde.

 

Vielerorts gab es noch keine Elektrizität, fließendes Wasser war in den Häusern so gut wie nirgends vorhanden, und die hygienischen Umstände waren mangelhaft.

 

Gepflasterte oder geteerte Straßen verbanden nur die großen Städte. Unbefestigte Wege zogen sich von einem Dorf zum anderen. Innerorts war das selten anders. Regen verwandelte die Wege in schlammige Rutschbahnen, das Fortkommen -und sei es nur von einem Haus zum nächsten- wurde damit äußerst mühsam und für ältere Leute sogar gefährlich. Immerhin gab es ein gut ausgebautes Eisenbahnnetz, welches in den Kriegsjahren überwiegend für Truppen- und Kriegsmaterialtransporte benutzt wurde. Die Bahnhöfe dienten dabei nicht nur als Verlade- und Zustiegsmöglichkeiten, sondern auch als Informationsquellen. Von den Reisenden erfuhr man zuerst die neuesten Nachrichten und konnte diese mit nach Hause nehmen, um sie im Heimatdorf weiterzuerzählen.

 

Werkzeug. Hammer, Zange und Nägel

 

Das Tagwerk war äußerst mühsam. Da es vielerorts noch kein elektrisches Licht gab, diktierte das Tageslicht den täglichen Ablauf. Beim ersten Sonnenstrahl stand man auf und arbeitete bis zum Sonnenuntergang.

 

Kriegsschäden durch Feindeinwirkung gab es jedoch kaum. Zerstörte Ortschaften, brennende Felder, obdachlose Familien -schreckliche Szenarien aus dem Zweiten Weltkrieg- gab es nicht. Sieht man von einigen Fliegerangriffen auf Trier und Umgebung ab, waren in der Eifel -so wie auch im überwiegenden Teil des Kaiserreichs- keine Zerstörungen und Verluste durch Kriegseinwirkungen zu beklagen. Trotzdem gab es "Feindkontakte". Nicht wenige Gefangene mussten zwangsweisen Arbeitsdienst in der Eifel leisten. Überwiegend wurden sie in der Landwirtschaft eingesetzt. Erst mit der Besetzung des Rheinlandes -mithin der Eifel-, ausgehandelt im Waffenstillstandsabkommen, änderte sich die Situation schlagartig. Soldaten der Entente prägten ab Ende 1918 das Bild nicht nur in den Städten, sondern auch in den kleineren Dörfern.

 

Je nach Wetterlage konnte man das Donnern der Kanonen bis in die Eifel hören.

 

Für die Kinder war die Situation besonders hart. Ohnehin mussten sie bereits vor dem Krieg bei Ernten helfen und auch sonst für Arbeiten, die täglich anstanden, bereitstehen. Jetzt mussten sie mit ihrer Arbeitskraft Familienmitglieder ersetzen, die gefallen waren oder an der Front weilten. Zeit für das Spielen blieb da wenig. Hinzu kam die katstrophale Ernährungslage, die einen Höhepunkt in dem Steckrübenwinter 1917/1918 fand. Nicht selten starben Kinder an Unterernährung oder normalerweise harmlosen Krankheiten.

 

Der Begriff "Preußisches Sibirien", wie die Eifel Anfang des 20. Jahrhundert von preußischen Beamten verächtlich genannt wurde, hatte Ende 1918 durchaus einen wahren Kern.

Der Strom kommt

Zwischen 1890 und 1930 wurde die Eifel elektrifiziert. Was für die einen ein gern gesehenes Wunder war, das die ländliche Arbeit erleichterte, und gerne angenommen wurde, lehnten Skeptiker und Pessimisten den elektrischen Strom ab. 

 

"Teufelszeug"

 

So wollte die Rurtalsperren-Gesellschaft der Gemeinde Wollseifen, die große Landstriche beim Bau und dem Anstauen der Urfttalsperre einbüßte, 1905 zum Ausgleich eine kostenlose Stromtrasse bauen.

 

Eine Glühbirne mit Schirm hängt von der Decke.

Die Einwohner wehrten sich dagegen mit der Begründung, mit dem "Teufelszeug" nichts zu tun haben zu wollen. Erst 1923 -18 Jahre später- setzten sich die Fortschrittsgläubiger in der Gemeinde durch und ein Trafohäuschen entstand.

 

Setzte man in den Anfängen auf Wasserkraft, so ergänzten bereits vor dem ersten Weltkrieg große Braunkohlekraftwerke bei Weisweiler und Knapsack die Versorgung.

 

Schon damals kam es auf den Profit an.

 

Obwohl damit genug Leistung zur Verfügung stand, stellte die dünnbesiedelte Eifel ein Problem dar. Die Investitionskosten waren hoch, Gewinne kaum zu erzielen. Somit weigerten sich die Stromkonzerne, den Netzausbau selbst voranzutreiben. Den Kommunen blieb nichts weiter übrig, als die Anschlusskosten selbst zu tragen. Nicht selten verschuldeten sie sich dabei hoch. Das brachte mit sich, dass die Haushalte sich die daraus resultierenden Umlagen nicht leisten konnten und somit auf die Annehmlichkeiten, die die Elektrifizierung mit sich brachte, weiterhin verzichten mussten. 

 

Die Müller waren die Pioniere der Neuzeit.

 

Froh konnten daher die Gemeinden sein, in denen ein Müller wohnte, der die Zeichen der neuen Zeit erkannte. Schon Ende des 19. Jahrhunderts gab es "Insellösungen", Generatoren, die über das Mühlrad einer Wassermühle betrieben wurden. So war es möglich, Strom in die nahegelegenen Häuser liefern zu können. Dabei wurden mit getränktem Papier umwickelte Drähte eingesetzt. Holzleisten mit zwei eingefrästen Rillen, in denen diese Drähte festgenagelt wurden, dienten als Montagehilfen. Sie verliefen meist unter der Zimmerdecke bis zur Lampe.

 

So sehr diese Insellösungen halfen, die Elektrifizierung der Eifel voranzutreiben, dauerte es noch bis nach dem Zweiten Weltkrieg, bis die Versorgung mit Strom in der Eifel flächendeckend mit der in einer Stadt gleichzog.

Deutschland nach dem Krieg

Ende September 1918 sahen die deutschen Militärs endlich ein, den Krieg verloren zu haben. Der Kaiser dankte ab, an seiner Stelle trat eine Republik, die vom ersten Tag an mit politischen Unruhen zu kämpfen hatte. Als radikale Linke eine sozialistische Rätediktatur nach dem Vorbild der russischen Oktoberrevolution mit Gewalt erzwingen wollten, gab es eine blutige Auseinandersetzung.

 

Die Anhänger einer parlamentarischen Demokratie entschieden den Machtkampf bis Frühjahr 1919 für sich.

Ereignisse

Freitag, 6. Dezember 1918 

  • Die Stadt Bonn wird von britischen und französischen Truppen besetzt.
  • Landtag von Elsaß-Lothringen spricht sich für den Anschluss an Frankreich aus.
  • In Folge des massiven Rohstoffmangels werden auf Anordnung des bayerischen Staatskommissars in Bayern die Rüstungsarbeiten eingestellt.

 

Montag, 9. Dezember 1918

 

  • Die deutsche Universität in Straßburg wird von französischen Behörden geschlossen, alle deutschen Professoren der Hochschule werden ohne Entschädigung entlassen.
  • Die ersten französischen Truppen treffen am Hauptbahnhof in Mainz ein.
  • Der in Zürich lebende rumänische Künstler Tristan Tzara veröffentlicht das »Manifest des Dadaismus«.

 

Sonntag, 22. Dezember 1918

  • Der tschechoslowakische Staatspräsident Tomáš Garrigue Masaryk erklärt Deutschböhmen zum Bestandteil der Tschechoslowakei.
  • Bei der Rückkehr deutscher Truppen bricht auf der Münchner Ludwigsstraße der Verkehr zusammen.
  • Der Dezember zeigt sich von der milden Seite. Durchschnittlich 3,8 °C lassen auf einen kurzen Winter hoffen.

 

 Montag, 23. Dezember 1918

  • Die Unruhen in Berlin nehmen kein Ende und erreichen mit den Weihnachtskämpfen einen Höhepunkt. Die Volksmarinedivision besetzt die Reichskanzlei. Einige Matrosen setzen die Regierung fest.
  • Preußen schafft sämtliche Orden und Titel ab.
  • Durch die Verordnung über Tarifverträge wird die normative Wirkung dieser festgelegt und die kommunalen Körperschaften beginnen damit, Tarifverträge abzuschließen.

 

Fensterblick nach draußen. Zu sehen ist ein altes Kloster.

 

Dienstag, 24. Dezember 1918

  • Die Entente-Mächte setzen die Seeblockade trotz Waffenstillstand fort.
  • Selbst in wohlhabenden Familien kommt in diesem Jahr keine Weihnachtsgans auf den Tisch.
  • Um die Ausbreitung des russischen Bolschewismus zu verhindern, fordert die alliierte Waffenstillstandskommission in einer Note das deutsche Heer dazu auf, das »Baltikum so lange zu halten, wie die Alliierten es notwendig finden«.

 

Mittwoch, 25. Dezember 1918

  • In Magdeburg gründet Franz Seldte den rechtsradikalen Bund der Frontsoldaten »Stahlhelm«.
  • In Berlin gehen die Kämpfe zwischen den revolutionären Matrosen und den Frontkämpfern weiter.
  • Der Fußballverein Rapid Wien gewinnt gegen den SC Rudolfshügel mit 9:0.

 

Samstag, 28. Dezember 1918

  • Mit der Anordnung des preußischen Ministers für Wissenschaft und Volksbildung wird der Erlass zur Abschaffung des Religionsunterrichtes außer Kraft gesetzt.
  • Das Bündnis zwischen der Mehrheitssozialdemokratischen Partei (MSPD) und der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei (USPD) in der provisorischen Regierung bricht auseinander, als die USPD sich wegen Differenzen über einen militärischen Einsatz aus dem Rat der Volksbeauftragten zurückzieht.
  • Die Parteizeitung der SPD Vorwärts titelt: »Frieden, Freiheit, Brot!«

 

Sonntag, 29. Dezember 1918

  • Aus Protest gegen »Eberts Blutweihnacht« verlassen die USPD-Volksbeauftragten den Rat der Volksbeauftragten.
  • Die Situation in Berlin eskaliert. Ebert beauftragt Gustav Noske mit dem militärischen Schutz der Regierungsresidenz.
  • Nach dem Waffenstillstand trifft das Leib-Grenadier-Regiment »König Friedrich Wilhelm III. (1. Brandenburgisches) Nr. 8« am 29. Dezember 1918 um 2 Uhr morgens wieder in seiner Garnison in Frankfurt (Oder) ein. Insgesamt 111 Offiziere sowie 4352 Unteroffiziere, Grenadiere und Füsiliere sind gefallen – eine der höchsten Verlustzahlen eines einzelnen Truppenteils.

 

Montag, 30. Dezember 1918

  • In Berlin wird die KPD gegründet. Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht übernehmen die Parteiführung.
  • Der Flugzeugfabrikant Hugo Junkers erkennt die Zeichen der Zeit, wendet sich von der Entwicklung von Jagdflugzeugen ab und beschließt, ein Flugzeug zu konstruieren, das auf die Bedürfnisse des Post- und Personenverkehrs zugeschnitten ist.
  • Prinzregent Aribert von Anhalt und Vertreter des Freistaates Anhalt unterzeichnen die Gründungsurkunde der »Joachim-Ernst-Stiftung«, die die Pflege der Schlösser und Gärten in und um Dessau wahrnimmt.